Investor Insights

Ehrlichkeit schlägt jedes Pitch Deck, Frederik von Bossel im Interview

Ein perfektes Pitch Deck reicht Frederik von Bossel nicht. Dem Partner bei Capnamic Ventures geht es vor einer Investition vor allem darum, dass das Team überzeugt. Im Interview erklärt er, was Gründerteams für VCs auszeichnet und warum er die Forschungszulage als sinnvolle Ergänzung zu VC sieht.

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Antonia Lüdeke

07.10.2026

tl;dr

  • Ehrlichkeit, eine persönliche Motivation und Coachability zählen für Frederik mehr als ein perfektes Pitch Deck.
  • Capnamic investiert früh und hält große Reserven bereit, um erfolgreiche Portfoliounternehmen auch in Folgerunden weiter zu begleiten.
  • Capnamic investiert branchenübergreifend entlang vier Zukunftsthemen, die von Ressourcenknappheit über den demografischen Wandel bis zu Effizienz und KI reichen.
  • Bei den aktuellen Zahlen ehrlich zu sein ist Pflicht. Die Vision muss trotzdem groß sein und sich schlüssig zu einem Milliardenunternehmen herleiten lassen.
  • Auch in schwierigen Phasen bleibt Capnamic an der Seite der Gründerteams und hat einem Portfoliounternehmen dabei geholfen, Geschäftsmodell und Management neu aufzustellen. Es entwickelt sich heute zu einer der erfolgreichsten Firmen im Fonds.

Zehn Jahre auf der Investorenseite

Frederik von Bossel ist seit fast zehn Jahren bei Capnamic Ventures, mittlerweile als Partner. Bevor er zum Investor wurde, war er selbst Unternehmer. Er pitchte seinen heutigen Partnern eine Geschäftsidee und bekam daraufhin ein Angebot, das ihm freistellte, entweder selbst zu gründen oder ins Team zu kommen. Er entschied sich 2017 für die Investorenseite und ist seitdem geblieben.

Coup arbeitet schon länger mit Startups aus dem Portfolio von Capnamic Ventures zusammen, etwa seit 2022 mit ACCURE, einem Batterie-Startup, für das Coup erfolgreich die Forschungszulage beantragt hat. Weil diese Zusammenarbeit so gut funktioniert hat, hat Frederik Coup an ein weiteres Startup aus seinem Netzwerk weiterempfohlen. Mit diesem Artikel starten wir eine neue Kategorie auf unserem Blog, die wir Investor Insights nennen. Hier kommen Menschen zu Wort, die tagtäglich mit Gründerteams arbeiten und ihre Sicht auf Kapital, Wachstum und Zusammenarbeit teilen.

Das Interview führte Theresa, Chief Revenue Officer bei Coup.

Frederik von Bossel begleitet Gründerteams, statt sie zu steuern

Theresa: Du bist seit fast zehn Jahren bei Capnamic und mittlerweile Partner. Was hat sich in der Rolle für dich am meisten verändert?

Frederik: Als Analyst schaust du dir Deals sehr intensiv an, verstehst Märkte, rechnest Modelle, entwickelst Thesen. Mit steigender Erfahrung rutschst du dann in eine Rolle mit mehr Verantwortung. Wem vertraue ich? Wie baue ich eine Beziehung zu einem Founder auf? Als Partner bin ich zusätzlich für die Organisation selbst mitverantwortlich, für die Positionierung des Fonds, fürs Fundraising oder für Personalthemen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass meine heutigen Partner mir im Laufe der letzten zehn Jahre Stück für Stück mehr Verantwortung übertragen haben und ich meine unternehmerische Passion bei Capnamic einbringen konnte.

Theresa: Was reizt dich nach fast zehn Jahren an der Rolle als Investor eigentlich noch am meisten?

Frederik: Ich empfinde es nach wie vor als Privileg, jeden Tag mit ambitionierten Gründer:innen zusammenzuarbeiten. Der Job bleibt dadurch abwechslungsreich und fordert mich immer wieder, mich in neue Geschäftsmodelle, Technologien und Trends einzudenken. Deshalb bin ich am Ball geblieben. Es macht mir bis heute großen Spaß.

Theresa: Was macht für dich ein Gründerteam aus, in das ihr investieren wollt?

Frederik: Wir verbringen sehr viel Zeit mit Gründer:innen, bevor wir investieren. Uns geht es dabei um zwei Dinge: das inhaltliche Verständnis der Idee/Firma und das Kennenlernen der Person(en) dahinter. Ehrlichkeit steht für uns ganz oben. Wenn im Pitch etwas anders dargestellt wird, als es sich in der Due Diligence zeigt, ist das ein schlechtes Zeichen. Genauso wichtig ist die Motivation dahinter. Die stärksten Teams, die ich kenne, treibt oft ein sehr persönlicher Grund an, nicht in erster Linie der finanzielle Erfolg. Und zuletzt achte ich auf Coachability, also die Bereitschaft, Input aufzunehmen, auch wenn am Ende natürlich das Gründerteam die Entscheidung trifft.

Theresa: Was würdest du Gründer:innen raten, die zum ersten Mal in einen Pitch mit Investor:innen gehen?

Frederik: Die Vision muss groß und begeisternd sein und sie muss gut hergeleitet sein. Wie kommt ihr von hier zu einem Milliardenunternehmen? Was sind die Schritte, die Produkte, die Verticals? Wer das schlüssig erklären kann, überzeugt uns. Gleichzeitig ist es Pflicht, bei den aktuellen Zahlen und dem Status quo ehrlich zu sein. Übertreibungen fliegen früher oder später auf und kosten Vertrauen.

Theresa: Wie groß sind eure Ticket Sizes und auf welche Themen schaut ihr aktuell besonders?

Frederik: Wir investieren früh und bauen unseren Fonds sehr konservativ mit Reserven auf, damit wir Portfoliounternehmen in Folgerunden mit deutlich mehr Kapital weiter begleiten können. Wir sind ein generalistischer Tech-Fonds und schauen uns daher gerne alle Themen an, die mit Technologie zu tun haben. Vier Themenfelder haben wir identifiziert, die uns für die nächsten fünf bis zehn Jahre besonders relevant erscheinen: Technologien für knapper werdende Ressourcen, Automatisierung als Antwort auf den demografischen Wandel, Plattformen für mehr Transparenz und Effizienz in Organisationen und alles rund um die Anwendung von künstlicher Intelligenz.

Theresa: Wie steht ihr zum Thema Defense?

Frederik: Wir haben bereits mehrere Investments aus dem Dual-Use-Umfeld gemacht und schauen uns das Feld aufmerksam an. Ein reiner Defense-Investor sind wir aber nicht. Uns ist wichtig, dass es neben dem militärischen immer auch einen zivilen Anwendungsfall gibt.

Theresa: Wie hat sich die VC-Landschaft für deutsche Tech-Startups in den letzten Jahren aus deiner Sicht verändert?

Frederik: Total verändert. In den letzten zehn Jahren ist so viel Geld auf den Markt gekommen und es sind so viele neue VCs entstanden, dass sich kein VC mehr darauf ausruhen kann, dass Founder von sich aus zu ihm kommen. Alle Fonds müssen sich aktiv darum kümmern, Zugang zu den besten Teams zu bekommen, sei es über einen guten Job im eigenen Portfolio, eine enge Beziehung zu Co-Investoren oder eine gute Reputation im Markt. Die wirklich guten Teams können sich ihre Investoren heute aussuchen. Investoren sind längst nicht mehr die Bittsteller. Stattdessen müssen wir zeigen, warum wir an das Geschäftsmodell glauben und welchen Mehrwert wir neben dem Kapital bieten. 

Theresa: Du beschreibst, wie sich der Markt verändert hat und dass auch VCs um die besten Deals kämpfen. Was unterscheidet euch als Capnamic von den anderen?

Frederik: Was uns von anderen VCs unterscheidet, ist die Art, wie wir mit Gründer:innen zusammenarbeiten. Wir wollen strategischer Sparringpartner sein und nicht nur Geldgeber. Portfoliofounder rufen an, in turbulenten Zeiten manchmal täglich, und wollen ad hoc einen Spiegel haben, sei es zu Organisationsentwicklung, Hiring oder der Equity Story für die nächste Finanzierungsrunde. 

Dabei greifen sie auf unser Wissen zurück. Wir haben einen sehr breiten Blick und schon viel gesehen, weil viele von uns selbst Unternehmer:innen waren oder seit über 20 Jahren in der Industrie arbeiten und geholfen haben, Unternehmen aufzubauen. Diese Erfahrung können wir teilen. Aufdrängen wollen wir sie aber niemandem, und wir sagen auch nicht, was jemand zu tun hat. Stattdessen funktioniert es eher nach dem Pull-Prinzip, die Founder kommen auf uns zu, und dann diskutieren wir. Dafür nehmen wir uns viel Zeit. Genau deshalb betreuen wir nur wenige Portfoliofirmen pro Person, denn was wir versprechen, wollen wir auch halten können.

Einige wenige Portfoliounternehmen haben wir in einer schwierigen Phase dabei begleitet, das Geschäftsmodell und das Management zu verändern und neue Leute reinzuholen. Eines davon entwickelt sich heute zu einer der erfolgreichsten Firmen aus dem Fonds. In so einer Lage kann ich nur dann noch einmal Geld nachinvestieren, wenn ich fest davon überzeugt bin, dass die Firma damit ein Hockeystick-Wachstum hinlegt. Dafür brauche ich ganzheitliches Wissen über das Unternehmen. Bin ich dagegen weit weg und spreche nur einmal im Quartal mit den Leuten, ergibt das keinen Sinn.

Way of Working nennen wir das. Uns ist wichtig, dass wir gemeinsam Vertrauen aufbauen, bereit sind, uns tief einzuarbeiten, und den Foundern in guten wie in schlechten Zeiten zur Seite stehen.

Theresa: Wie schaut ihr als VC generell auf öffentliche Förderprogramme wie die Forschungszulage, wenn Startups bereits daran teilgenommen haben oder eine Teilnahme in Zukunft planen?

Frederik: Sehr positiv. Fördermittel sind aus unserer Sicht eine sinnvolle Ergänzung zu Eigenkapital. Die Reihenfolge macht dabei den Unterschied. Zuerst sollten sich die Gründer:innen darauf konzentrieren, die Organisation und die Technologie aufzubauen, mit Eigenkapital von VCs oder Angels. Förderprogramme machen erst ab einer gewissen Phase Sinn und ab dann würde ich immer Expert:innen einbeziehen, die sich damit dauerhaft beschäftigen. Da kann man sich sonst schnell monatelang verlieren. Ihr seid für unsere Portfoliounternehmen ein hilfreicher Partner, der schnell einschätzen kann, was sinnvoll und erfolgversprechend ist, ohne wertvolle Ressourcen zu binden.

Theresa: Wie gut kennen sich Gründer:innen aus deiner Erfahrung mit Förderprogrammen aus?

Frederik: Sehr unterschiedlich. Zu Beginn ist meistens das EXIST-Programm bekannt, die Forschungszulage wird zunehmend präsenter. Je jünger die Firma, desto mehr wissen die Teams über frühe Fördertöpfe und je reifer die Firma wird, desto eher lagern sie dieses Wissen an Partner wie euch aus, weil der Fokus dann auf Organisationsaufbau, Strategie und Kundengewinnung liegt.

Theresa: Was hat dich dazu bewogen, uns weiterzuempfehlen?

Frederik: Ganz ehrlich, der Erfolg bei ACCURE. Das Team hatte damals mehrere Agenturen verglichen und sich für euch entschieden und die Entscheidung hat sich als richtig herausgestellt. Warum also ein Risiko mit jemand Neuem eingehen, wenn schon jemand geliefert hat? Deshalb habe ich euch weiterempfohlen.

Danke, Frederik

Danke an Frederik für das offene Gespräch und die Empfehlung. Mehr zu den Unternehmen im Portfolio findest du auf der Website von Capnamic.

Die Forschungszulage verwässert keine Anteile und lässt sich neben einer VC-Finanzierung beantragen. Ob und wie viel davon in deinem Unternehmen steckt, schauen wir uns gern gemeinsam an.

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